Immer früher? Digitale Medien in der Grundschule

Das Thema digitale Medien in der Grundschule ist zweifelsfrei in letzter Zeit immer präsenter geworden. Angebote wie der Mikrocontroller Calliope Mini oder LEGO WeDo ermöglichen den Grundschulkindern u.a. das Basteln von Robotern. Die Programmiersprache Scratch oder auch Apples Swift Playground widmen sich hingegen stärker dem spielerischen Erlernen des Programmierens. Sie alle verbinden Technik mit Pädagogik und haben teilweise schier endlose Handreichungen und Lehrvideos parat, die den jeweiligen Einsatz besonders attraktiv und intuitiv machen sollen. Doch damit nicht genug, denn zahlreiche Apps bieten insbesondere auf Tablets unzählige Möglichkeiten, das Lernen mit und in digitalen Medien für Kinder sehr niederschwellig zu ermöglichen. Und hier ist das Problem, bei dem ich selbst hin und her gerissen bin: Sollen digitale Medien überhaupt regelmäßig in der Grundschule eingesetzt werden? Wenn ja: Wie, wie viel und wann sollen digitale Medien eingesetzt werden? Als Reaktion auf ein Interview bei Edulabs mit Maxim Loick, einem Mitgründer von Calliope, möchte ich hier einige Gedanken los werden.

Pflichtfach Informatik, Medienkompetenz für alle oder Medien-AG?

Zunächst gibt es ein Definitionsproblem: In der öffentlichen Diskussion ist – und das macht es so kompliziert – fast immer unklar, worüber eigentlich gesprochen wird:

  • Braucht es ein Pflichtfach Informatik oder brauchen Schülerinnen und Schüler informatische Grundfähigkeiten? Dann reden wir über das Programmieren und andere Bereiche der Informatik.
  • Müssen alle Lernenden ihre Medienkompetenzen/-bildung ausweiten? Dann reden wir u.a. über Medienethik, Kompetenzen im Einsatz digitaler Medien oder Datenschutz und Urheberrechte – eine fächerübergreifende Aufgabe.
  • Reicht es aus, wenn diejenigen, die es interessiert, in Medien-AGs oder sonstigen Angeboten freiwillig ihren Medieninteressen nachgehen können? Dann reden wir darüber, dass einige ihre Vorlieben oder Stärken in der Schule vertiefen können.

Wenn aber gar nicht klar ist, worüber eigentlich gesprochen wird, dann führt die Vermischung dieser unterschiedlichen Fragestellungen dazu, dass die Debatten verwässert werden. So viel vorweg.

Ein Vakuum wird genutzt

Zweifellos ist die Digitalisierung eine der zentralen Herausforderungen unserer Zeit (ich weiß, man kann es nicht mehr hören). Umso mehr erstaunt es, dass das Bildungssystem ein regelrechtes Vakuum hat entstehen lassen. Auf der einen Seite heißt es, dass Lehrende die Medienkompetenzen und die Informatikkenntnisse der Lernenden immer mehr schulen sollen, schließlich bewegen sich Kinder wie Erwachsene in einer digital durchfluteten Welt. Dem stehen allerdings auf der anderen Seite nicht selten fehlende Ausbildung der Lehrpersonen, mangelhafte IT-Infrastrukturen und allgemein zu wenig Zeit und Ressourcen gegenüber. Auch stark einengende Datenschutz-Vorgaben sprechen in erster Linie die deutliche Sprache, besser die Finger von US-amerikanischen Apps zu lassen.

Calliope Mini

In dieses Vakuum kommt dann z.B. das Calliope-Projekt und arbeitet laut Maxim Loick an Folgendem:

Wir versuchen mit sechzehn Bildungsministerien dahin zu kommen, dass sie sagen: Ja, wir nehmen die durch Calliope vermittelbaren Lerninhalte so fest in unsere Lehrpläne auf, dass diese verpflichtend vermittelt werden müssen.

Die Lehrpläne sollen also derart geändert werden, dass kein Grundschüler mehr an Informatik und im Idealfall dem Calliope vorbei kommt. Daran lässt sich erahnen, auf welchen Ebenen hier versucht wird, das Schulsystem nach bestimmten ökonomischen Interessen zu prägen. Lobbyismus in Reinform, der in das vom Bildungssystem erzeugte Vakuum eindringt. Felix Schaumburg und Guido Brombach haben das unlängst in ihrem BZT-Podcast reflektiert. Schade, dass dadurch der tolle Ansatz von Calliope überschattet wird.

Für die einen kann es nicht früh genug beginnen

Maxim Loick fordert in seinem Interview bei edulabs, dass Kinder schon in der Grundschule Kenntnisse und Fähigkeiten im Bereich Informatik erlangen sollen. Mit dieser Forderung ist er längst nicht allein und auch in der Kita fordern nicht wenige den verstärkten Einsatz digitaler Medien. Nicht selten sitzen den ErzieherInnen und PädagogInnen dabei die Eltern im Nacken, die um die Zukunftskompetenzen ihrer Kinder bangen. Schließlich müssen die Kinder doch auf die digitale Arbeitswelt von morgen vorbereitet werden. Für Loick gilt:

Primär ist, dass informatische Grundprinzipien ab der ersten Klasse unterrichtet werden. Wenn wir Kinder möchten, die im erwachsenen Alter selbstbestimmt und differenziert Aspekte beurteilen können sollen, in einer von Algorithmen und Daten durchwirkten Welt, dann müssen wir diese Kenntnisse und Fähigkeiten ab der Grundschule lehren.

Dies stellt auch in der never-ending Diskussion über das Pflichtfach Informatik ein zentrales Argument dar. Unklar bleibt dabei aber allzu oft, welche Grundkenntnisse das sein sollen, warum sie schon ab der ersten oder dritten Klasse in der Grundschule vermittelt werden sollen und wie diese Grundkenntnisse den Kindern dabei helfen, z.B. einen Algorithmus von Google beurteilen zu können. Hier wären durchaus auch andere Ansätze denkbar.
Eine andere Argumentation besteht darin, dass behauptet wird, mit digitalen Medien ließen sich gewisse Inhalte in der Grundschule besser vermitteln. Loick nennt als Beispiel, dass Kinder mit dem Calliope Mini spielerisch den Sprung von einstelligen zu zweistelligen Zahlen lernen und nebenbei den Mikrocontroller dafür nutzen könnten. Aus pädagogischer Sicht drängt sich die Frage auf, ob der Mikrocontroller für dieses konkrete Beispiel tatsächlich den behaupteten „Mehrwert“ bietet oder ob andere Methoden hier nicht klarer und zielgerichteter wären, wie z.B. das Streifenbrett. Darüber müsste eine ergebnisoffene Diskussion geführt werden, die ich bislang nicht erkennen kann.

Kritik an der Euphorie

Statt solcher ergebnisoffenen Diskussionen ertönt überall die Forderungen nach mehr Technik, mehr Informatik und mehr Mathe in der Grundschule. Spätestens seit dem Digitalpakt#D ist Goldgräberstimmung ausgebrochen. Deutschland dürfe den internationalen Anschluss nicht verpassen, die Welt brauche mehr Programmierende. Ob diese technikfokussierten Fähigkeiten die wichtigen Lernziele sind, die Grundschüler und Grundschülerinnen in einer digitalisierten Welt brauchen, lässt sich aber in Frage stellen. Generell sind die Stundenpläne der Grundschulen schon jetzt zu voll. Also muss man stets abwägen, welche Schwerpunktsetzungen mehr Sinn machen als andere. Dabei müsste meiner Meinung nach auch aus bildungsphilosophischer Sicht danach gefragt werden, ob mehr Technikunterricht – in welcher Form auch immer – zur Lösung gesellschaftlicher Probleme beiträgt, wie es Lisa Rosa es formuliert:

Auf andere Weise hat Markus Deimann in seiner Antrittsvorlesung vor zu viel Technikdeterminismus und der Aushöhlung des Bildungsbegriffs gewarnt.

Hinzu kommt, dass die Kehrseite von digitalen Medien oft nicht beachtet wird: Ihr riesiges Ablenkungspotential. Vor diesem Hintergrund sollte man sich kritisch fragen, ob Schülerinnen und Schüler mit digitalen Medien oder Robotern tatsächlich nachhaltiger z.B. physikalische Grundprinzipien wie Reibung erforschen können als mit nicht-digitalen. Die digitale Zerstreuung ist für viele Grundschülerinnen und Grundschüler womöglich ein zentrales Hindernis für Lernerfolge und erschwert die Konzentration. Darüber wird allerdings wenig gesprochen, doch Grundschullehrer, mit denen ich gesprochen habe, sehen gerade darin ein zentrales Problem der Digitalisierung. Stattdessen sehen sie die Kinder (und auch Erwachsene) heute vor ganz andere Schwierigkeiten gestellt: Aufmerksamkeitsspannen sinken, sich ruhig auf etwas konzentrieren wird zur Herausforderung, soziale Kompetenzen wie Empathie fehlen immer häufiger usw. All dem kann man sicherlich auch mit digitalen Medien gegensteuern, aber gleichzeitig sind Tablets & Co. zweifellos auch mitverantwortlich für diese negativen Entwicklungen.

Streiten lässt sich außerdem lange darüber, inwiefern digitale Medien wissenschaftlich begründet das Lernen verbessern. Gerald Lembke, einer der wichtigsten Kritiker eines zu frühen Einsatzes digitaler Medien, meint:

Summa summarum belegen nationale und internationale Studien hinreichend, dass der Einsatz von digitalen Medien in Kitas und Schulen pädagogisch und für die Persönlichkeitsentwicklung wenig bis keine Vorteile bringt.

Auch Ralf Lankau ist einer, der immer wieder Kritik übt:

Ich störe mich nicht an der Technik an sich, sondern am zu frühen Einsatz in Kita und Grundschule mit dem Ziel, die MINT-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik) zu stärken – und das (wie immer in der Vergangenheit) zu Lasten der ästhetischen und humanen, nicht berufszielorientierten Ausbildung.

Kinder sollten daher laut Lankau möglichst lange ohne Displays aufwachsen. Das bildschirmfreie Spiel rege die Phantasie ganz anders an und habe grundlegendere, haptische Qualitäten, die für die Entwicklung der Kinder wichtiger seien als ein möglichst früher Kontakt mit Informatik und digitalen Medien. Sowohl Lembke als auch Lankau kann man durchaus für ihre Positionen kritisieren, weil sich bei allen Studien die Frage stellt, wie die digitalen Medien jeweils eingesetzt wurden. Trotzdem legen sie an diesen Stellen die Finger in die richtigen Wunden: Bildungswissenschaftliche Fundierung von Entscheidungen, Auswirkungen eines frühes Medieneinsatzes und die fortschreitende MINT-Fokussierung.

Auch die praktischen Herausforderungen, vor die Pädagogen gestellt sind, werden in den Diskursen nicht häufig thematisiert. Hier meint auch Loick, dass die PädagogInnen gut vorbereitet sein müssten, „weil es sonst lange Recherchephasen gibt, die langweilig für die Kinder sind.“ Diesen Raum zwischen Überforderung und Unterforderung für die Lernenden herzustellen – eine zentrale pädagogische Aufgabe – ist besonders bei Grundschulkindern mit digitalen Medien nur mit intensiver Betreuung leistbar und das wird bei aller Technikfokussierung oftmals vergessen. Hinzu kommen die stark didaktisierten Lernangebote der IT-Konzerne, die teils wenig mit einem zeitgemäßen Verständnis von Bildung zu tun haben, wie ich es vertrete. Ihre Lehrvideos (keine Lernvideos) und Anleitungen sind toll designt, geben den Lernenden aber einfach nur vor, was sie wie zu tun haben. Auch hier die Frage: Ist das die Grundschulpädagogik, wie ‚wir‘ sie wollen?

Bildschirmfreie Grundschule oder digitale Grundschule?

Als Grundschullehrer stehe ich nun vor der Frage, soll ich das „Immer früher“ in puncto digitale Medien mitgehen? Weder kulturpessimistische noch digital-fanatische Positionen – Manfred Spitzer vs. Jörg Dräger – bringen uns hier weiter. Es braucht zwischen diesen Extrempositionen eine in erster Linie pädagogische und bildungswissenschaftliche Diskussion darüber, ob, wie, wie viel und wann digitale Medien sinnvoll in der Grundschule Einzug erhalten sollen. Das sollten weder die Technik-Hersteller über die Hintertür bestimmen noch die Technik-Skeptiker. Allerdings dominieren im Moment eben vor allem die IT-Konzerne und diejenigen, die Informatik und Programmieren gerne so früh wie möglich eingesetzt wissen wollen. Dem stehen zum Glück auch viele skeptische Grundschullehrkräfte gegenüber, die im Online-Diskurs allerdings weniger präsent sind – so zumindest meine Wahrnehmung. Wie eingangs erwähnt, bin ich selbst hin und her gerissen. Ich möchte dazu anregen, über das Ob, das Wie, das Wie viel und das Wann kritischer zu diskutieren. Dass dabei sehr komplexe Dinge gegeneinander abgewogen werden müssen, macht es nicht leicht, in Diskussionen einzusteigen. Dass solche Diskussionen aber trotzdem möglich sind, zeigt zum Beispiel das SWR2-Forum „Wie viel Laptop verträgt die Schule?“ mit Jam Hambsch, Patric Heiler und Gerald Lembke im Januar 2017 – mehr davon!

 

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