Kann man ökologische und soziale Nachhaltigkeit mit iPads unterrichten?

Mit der Nachhaltigkeit ist das so eine Sache. Eigentlich ist man sich doch recht einig darüber, dass es mehr ökologische und soziale Nachhaltigkeit braucht, um auf Herausforderungen wie den Klimawandel, die Ressourcenknappheit, die Globalisierung, das Bevölkerungswachstum oder die Automatisierung entsprechende Antworten zu finden. Andererseits, sobald es um einen selbst geht, tut man sich dann doch schwer konsequenter nachhaltig zu leben, wenn das neueste Technikfeature angepriesen wird oder wenn das nachhaltig hergestellte Produkt das Dreifache vom günstigsten Angebot kostet. Ich nehme mich selbst davon nicht aus.

Neben dieser privaten Seite stellt sich die Frage der Nachhaltigkeit im Bildungssystem aber etwas anders – und ich meine jetzt nicht die Frage, wie nachhaltig Lernprozesse funktionieren. Mir geht es an dieser Stelle darum, welchen ökologischen und sozialen Nachhaltigkeitszielen das Bildungssystem verpflichtet ist und wie diese mit der allerorts geforderten digitalen Bildung vereinbar sind. Viele PolitikerInnen, IT-BranchenverterInnen, Lehrpersonen, SchulleiterInnen und MedienpädagogInnen sind sich quer durch die Bank einig, dass Schulen in Deutschland technisch besser ausgestattet werden müssten. Es brauche schnelles WLAN, möglichst aktuelle Endgeräte im besten Fall als 1:1-Klassensätze und Beamer in den Klassenräumen, heißt es. Ansonsten könnten die Schülerinnen und Schüler nicht die Kompetenzen erlangen, die sie in einer digitalisierten Welt bräuchten. Sodann werden reihenweise iPads, Tablets und Notebooks gekauft, Klassenräume mit Beamern und Whiteboards ausgestattet. Als ein wichtiges wenn nicht sogar das wichtigste Auswahlkriterium dient dabei der Preis, weshalb alle namhaften Gerätehersteller auf die Schule ausgelegte günstige Produkte anbieten. Alle folgen dem Motto: „Deutsche wollen mehr Digitalisierung in Schulen.“

Der ökologische Fußabdruck und die Produktionsbedingungen der digitalen Bildung

Nach meiner Wahrnehmung werden in diesem Digital-Hype jedoch viel zu selten Fragen  nach der ökologischen und sozialen Nachhaltigkeit der gekauften Geräte gestellt. Natürlich sollen sie lange halten und robust sein, um auch nach zwei Jahren Kinderhänden noch halbwegs zu funktionieren – darin sind sich sicherlich die meisten einig. Wie steht es aber um die Reparierbarkeit der Geräte? Wie groß sind die Emissionen bei der Herstellung, wie giftig die Bestandteile und wie nachhaltig werden die notwendigen Ressourcen abgebaut? Was ist mit Recycling? Wie sind die Arbeitsbedingungen in den global verteilten Produktionsstätten?

Etwas drastischer: Wie viel Blut klebt am verbauten Coltan? Welche Kinderarbeit steckt in den Schul-Geräten? Das alles sind sehr unbequeme moralische Fragen, schließlich wäre es viel einfacher diese auszublenden und sich einfach daran zu erfreuen, wenn es eine Schule überhaupt schafft, ein Stück weit mit der Digitalisierung mitzugehen. Ich finde aber, dass das Schulsystem, die Schulen und auch die einzelnen Lehrpersonen, die die Geräte im Unterricht einsetzen, Antworten auf diese weitreichenden Fragen brauchen – allein schon aus moralischen Gründen.

Verkürzende Bewertungen von IT-Konzernen wie bei ‚Rank a Brand‘ berücksichtigen einige solcher Nachhaltigkeitsfaktoren, stellen aber nur einen ersten Schritt dar, die Nachhaltigkeit der Produzenten einzuordnen, zu vergleichen und für das Thema IT-Nachhaltigkeit zu sensibilisieren:

Rankabrand
Quelle: Rank a Brand https://rankabrand.de/elektronik

Ein Anlaufpunkt ausschließlich zur Reparierbarkeit ist iFixit. Zusammen mit Greenpeace ist z.B. die Initiative ‚Rethink-IT‚ entstanden, die ausgewählte Smartphones, Tablets und Notebooks hinsichtlich der Reparierbarkeit bewertet hat:

Rethink-IT

Apple-distinguished und Google-zertifizierte Nachhaltigkeit

Wenn ich mir zu diesen Fragen weitergehende Gedanken mache, verstehe ich noch viel weniger als eh schon, wie man sich als zertifizierte IT-Konzern-Lehrperson präsentieren kann, sei es als Apple Distinguished Educator oder wie sie alle heißen. Neben den Nachhaltigkeitsbedenken gegenüber deren Produkte denke man auch daran, wie sich beispielsweise Apple davor drückt, Steuern zu zahlen. Mir ist es tatsächlich schleierhaft, wie man das als Lehrperson mit dem eigenen Gewissen vereinbaren kann und sich stolz mit solchen Firmen inszeniert – von Neutralität kann da keine Rede mehr sein. Natürlich höre ich schon die entsprechenden Personen mit den Hufen scharren: „Aber XYZ produziert doch zunehmend ökologischer…“ Dabei vergessen sie, dass sie mit ihrer Unternehmenspräsentation zu mehr Konsum der jeweiligen Marke anregen. Überspitzt gesagt, werden sie selbst zum Werbeträger – selbst wenn sie sich noch so kritisch und offen im eigenen Unterricht verhalten. Dieses Anregen zu Konsum das will sich so ganz und gar nicht mit einem sensiblen Umgang in Richtung Nachhaltigkeit vertragen.

Nachhaltigkeit authentisch unterrichten

Doch schauen wir in den Schulunterricht. Als Erdkundelehrer komme ich um das Thema Nachhaltigkeit und um Fragen der globalen Verantwortung als Unterrichtsgegenstände nicht herum, weil fast alles Geographische damit verwoben ist. Ich frage mich also: Kann man ökologische und soziale Nachhaltigkeit mit iPads unterrichten? Können Lernende vor ihrem gesponserten, schicken Endgerät sitzen, die nächste tolle Gratis-App nutzen und gleichzeitig die Produktionsbedingungen anprangern, unter denen das Gerät hergestellt wurde? Sicherlich schließt das Gerät das kritische Denken nicht aus, so viel ist klar. Aber mir als Lehrperson fällt es schwer, Nachhaltigkeit authentisch zu vermitteln, wenn die Schule alle Jahre neue Klassensätze besorgt oder sich eben keineswegs um die Produktionsbedingungen schert. Warum sollte Nachhaltigkeit den Schülerinnen und Schülern wichtig sein, wenn es der Schule egal ist?

Gibt es überhaupt nachhaltige Geräte?

Dies ist ein berechtigter Einwand. Konsequent nachhaltige Tablets gibt es derzeit quasi keine, die mir bekannt wären (Kennt ihr welche?). Das Fairphone und die Shift-Smartphones sind die Vorreiter hinsichtlich Nachhaltigkeit im Bereich der Smartphones. Auch bei Notebooks sieht es schwierig aus – das Shift12m soll im Jahr 2018 eins der ersten nachhaltigen detachable Convertibles werden. Dass diese nachhaltigen Geräte ihren Preis haben und leicht das vierfache im Vergleich zu anderen Produkten kosten, sollte selbstverständlich sein. Insgesamt zeigt das derzeitige spärliche Angebot nachhaltiger IT-Geräte einerseits das geringe Nachhaltigkeitsinteresse der meisten IT-Konzerne, aber eben auch den Mangel an Nachfrage andererseits. Würden Schulen darauf bestehen, nachhaltig produzierte Geräte zu kaufen, dann wäre bestimmt mehr möglich in diesem Bereich. Aber wo kein Interesse und wo keine Nachfrage, da können sich Alternativen auch nicht wirklich entwickeln. Wenn die großen Gerätehersteller quasi nur zur Imageverbesserung hier und da die ökologischen und sozialen Standards bei der Produktion anheben und auf konsumierende Schulen treffen, dann wird sich nur sehr langsam etwas ändern.

Zwischen Anspruch und Pragmatismus: Mögliche Ansätze für mehr IT-Nachhaltigkeit

Andreas Hofmann hatte mich auf Twitter gefragt:

Offenheit und Nachhaltigkeit waren meine Antworten und beide sind für mich sehr relevante Entscheidungswegweiser, die mich aber in die oben skizzierten moralischen Fragen hineinwerfen. Als ganz konsequent nachhaltig wäre natürlich der Verzicht auf jegliche digitalen Geräte eine Option, aber das schließe ich für mich prinzipiell als Möglichkeit aus – schließlich ist die Digitalisierung ein Wandel, den ich privat und in der Schule unbedingt mitgestalten möchte. Sich aber andererseits vor den aufgeworfenen moralischen Fragen zu drücken, wie es viele Schulen derzeit praktizieren, ist aus meiner Sicht auch keine Option. Höchst komplex ist dann natürlich die Frage, wie zwischen Nachhaltigkeitsanspruch und Pragmatismus zu vermitteln ist. Ausschließlich nachhaltige Geräte in der Schule? „Das ist schlichtweg unrealistisch leider“, meint Andreas Hofmann, und dürfte damit zur Zeit recht haben. Doch an welchen Stellen ließe sich anfangen, um für Bewegung in dieser Frage zu sorgen? Ich halte folgende Ansätze für denkbar:

  • So wenig Geräte wie möglich kaufen
  • Gerätepools ausbauen wie es die Kreismedienzentren teilweise anbieten
  • Gebrauchte Geräte kaufen, z.B. bei Anbietern wie AfB
  • ‚Bring your own device‘ (BYOD) unter dem Gesichtspunkt der Nachhaltigkeit diskutieren, schließlich würden dadurch Gerätedopplungen vermieden
  • Nachhaltige Geräte kaufen
  • Geräteherstellern Anreize bieten, nachhaltiger für das Schulsystem zu produzieren
  • Das Thema Nachhaltigkeit als zentralen Pfeiler der Schulentwicklung festigen
  • Ein schulübergreifendes System schneller Reparaturen und regelmäßiger Wartung durch IT-Experten installieren

 

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9 Kommentare zu „Kann man ökologische und soziale Nachhaltigkeit mit iPads unterrichten?“

  1. Ein klasse Artikel, ich beschäftige mich in der DIGITALWERKSTATT mit einem Stationen Workshopkonzept genau mit diesem Thema, zielgruppengerecht aufbereitet. Zusätzlich haben wir in Karlsruhe 3 PING!-Stationen eingerichtet um nicht mehr benötigte Geräte und Zubehör möglichst im Nutzerkreislauf lassen. Das Konzept und die Materialien für die PING!-Stationen sind unter CC veröffentlicht und können/sollen in AGs benutzt werden. Deinen Beitrag verlinke ich die Tage auf pingstation.de

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  2. Pingback: PINGSTATION
  3. Wichtiges Thema! Das Spannungsfeld „Nachhaltigkeitsanspruch und Pragmatismus“ beschreibt es glaube ich sehr gut. Eine provokative Frage wäre ja auch „Kann man Nachhaltigkeit im H&M-Pullover unterrichten?“, bei Themen wie „Carbon Footprint“ oder „Slavery footprint“ spielen ja alle Lebensbereiche mit rein wie z.B. Kosmetik, Reisen, Ernährung, etc. Da erzähle ich jetzt niemandem etwas neues, aber durch die zunehmende Vernetzung kann ja IT-Einsatz potenziell weniger abgetrennt werden.

    Anhaltspunkte bzgl. IT-Geräten könnten sich aber in der Debatte um Green-IT in der Verwaltung finden – kenne den aktuellen Stand der Gesetzgebung nicht, aber das wäre ja quasi anschlussfähig für Schulen in meinen Augen:
    https://www.heise.de/newsticker/meldung/Neue-Vergaberichtlinie-IT-Einkauf-nach-sozialen-und-oekologischen-Standards-2966565.html

    Das Fairphone-Projekt testet derzeit die Grenzen aus im Sinne eines Proof-of-concepts und kann noch nicht als Best-Practise hergenommen werden. Zumindest mit dem Fairphone 1 konnten die gesteckten Ziele ja (leider) nicht erreicht werden: http://www.taz.de/!5437040/

    Neben den Geräten sollte/müsste es aber auch um Server und Webhosting gehen, da gibt es ja bereits klimaneutrale Webhoster (ob wordpress.com dazuzählt, konnte ich gerade nicht herausfinden). Das wäre z.B. für die Debatte um Bildungsclouds relevant.

    Frage in die Runde: Wird Nachhaltigkeit denn in irgendeiner Form in Medienkonzepten von Schulen thematisiert?

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  4. Danke für die weiterführenden Gedanken, Matthias.
    Besonders die „Umweltfreundliche öffentliche Beschaffung“ sieht sehr spannend aus und wäre tatsächlich total anschlussfähig. Auf den Seiten des BMUB ( http://www.bmub.bund.de/P423/ )heißt es dazu: „Die vielfältigen neuen Vergaberechtsregelungen mit Umweltbezug sind eine gute Basis, um das öffentliche Beschaffungswesen noch umweltfreundlicher zu gestalten. Die Chancen, die innovative Umwelttechnologien und -produkte bieten, werden leider noch viel zu selten genutzt. Deshalb sollte gerade hier die öffentliche Hand mit ihrem nicht zu unterschätzenden Marktpotenzial ihrer Vorbildfunktion noch besser gerecht werden.“ Das klingt doch nicht schlecht.
    Das Bundesumweltamt hat dazu auch eine informative Seite: https://www.umweltbundesamt.de/themen/wirtschaft-konsum/umweltfreundliche-beschaffung
    Ich gehe dem mal weiter nach…

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  5. Ein interessanter Artikel, auch wenn er mir persönlich nicht viel Neues offenbart hat (aber ich beschäftige mich gedanklich vermutlich auch überdurchschnittlich viel mit diesem Thema).
    Meines Erachtens sollte ein Land wie Deutschland (oder sogar einzelne Bundesländer) in der Lage sein, eigenen Geräte herzustellen. Eine gesicherte, ja fast schon planwirtschaftliche Nachfrage wäre da und die Vorteile liegen auf der Hand: Bestmögliche Kontrolle über die Produktionsketten (über die Grenzen dieser Kontrolle hat das Fairphoneteam ja mehrfach berichtet), optimale Anpassung der Hardware (Gewicht vs. Robustheit etc.) und Software (warum keine OED Lösung, wenns alle machen gibt es kaum Kompatibilitätsprobleme) und und und. Wenn man das auf Jahre oder Dekaden hochrechnet, würden sich vermutlich sogar die sicherlich hohen Anfangsinvestitionen wieder amortisieren. In diesem Sinne: think big, Bildungspolitik!

    Noch ein Hinweis: Die Shift Telefone würde ich nicht mit den Fairphones gleichsetzen, was Nachhaltigkeit betrifft. Ich habe mich vor ca. einem halben Jahr damit ausführlicher beschäftigt und bisher sind bei Shift eigentlich nur Versprechen und Absichtserklärungen dagewesen. Das Thema wird in dem firmeneigenen Forum recht fleißig debattiert. Ob sich da was geändert hat, kann ich allerdings nicht sagen.

    Viele Grüße aus Köln,
    David

    Gefällt 2 Personen

    1. Stimmt, David. Die Shift-Smartphones und -Tablets müssen erst noch zeigen, ob sie mit den Fairphone-Standards mithalten können.
      Ich denke auch, dass die Bildungspolitik hier mutiger auftreten sollte. Wenn ganz klar wäre, dass nur nachhaltig produzierte Geräte angeschafft werden dürften, dann würde das entweder den Weg ebnen zu einer Produktion in Deutschland oder/und die großen Gerätehersteller würden sich auf den Weg machen, um sich den Bildungsmarkt nicht entgehen zu lassen und dafür Nachhaltigkeitsstandards einzuhalten.

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